Buchtipp

An einem Abend mit einem Berg Schokoriegel und Studentenfutter auf dem Tisch legt mir Sabine „ihre“ Bücher vor die Nase. Es ist Projektabend und eigentlich bin ich nur zu Gast. Sabine und Tanja tüfteln schon lange. Im Flur liegen Kisten mit Kuscheldecken und Dekosachen. Das Café ist am entstehen. Ich drehe die Bücher hin und her und überlege, ob sie möchte, dass ich das lese. 

Raphael Müller: Ich fliege mit zerissenen Flügel

Aber nach einer Zeit dämmert es mir. Warum das ein wichtiges Buch ist, dass ich auch hier ins Tagebuch mit aufnehmen will.

Raphael Müller erlitt im Mutterleib einen Schlaganfall, sitzt heute im Rollstuhl und man hat ihm – wie Sabine es erzählt – gar nichts zugetraut. Er kann sich nicht auf herkömmlichem Weg seiner Umwelt mitteilen, aber durch technische Hilfsmittel ist es doch gelungen und in dem stummen Jungen steckt ein begabter Autor. 

„Wenn niemand ihm diesen Computer gegeben hätte, dann wäre das nie rausgekommen.“

Tanja nickt. Ich denke, ich verstehe, warum sie mir dieses Buch zeigen wollen. Es ist wie ein Symbol, eine Inspiration. Was ist möglich, selbst wenn der erste Eindruck dagegen spricht. Wenn man zu schnell beurteilt und verurteilt. Und dass es Menschen geben muss, die an einen glauben.

„Da drin steckt so viel.“ sagt Sabine und tippt auf das Cover. „Auch seine Ansichten über sein Leben und wie er Inklusion versteht.“ 

„Raphael Müller kann einem den Blick ändern.“

Nachtrag:

Sabine schreibt mir, dass ich etwas falsch verstanden habe bei dem Buch. Ich möchte den Text jetzt gar nicht verbessern und so tun, als ob ich es von vorneherein so geschrieben hätt. Eigentlich ist es nämlich ganz oft so, dass wir die Dinge, von denen wir eigentlich gar keine Ahnung haben, mit unseren bekannten Klischees im Geist ergänzen. Und ich denke, dass wird wohl ganz oft passieren in diesem Tagebuch.  Ich dachte nämlich, es handelt sich bei Raphael Müllers Schreibtechnik um einen Computer. Ich finde, dass Sabine mit ihrem Feedback es nochmal viel besser ausdrückt als ich und deswegen steht jetzt ein Auszug aus ihrer Email an mich als Abschlusswort. was ich wunderschön finde und alle wohl neugierig auf dieses Buch machen wird: 

Er schreibt nicht mit dem Computer, sondern seine Hand wird geführt was es unglaublich aufwändig macht und anstrengend, aber es funktioniert. Das nennt sich wirklich Geführtes Schreiben. Und was diese Sache so besonders macht: sein Körper funktioniert zwar nicht, aber sein Geist. Im Gegensatz zu unseren Kindern,die sich einfach nicht so toll ausdrücken können, aber Rafael für unsere Kinder sprechen kann wie sie sich fühlen, was in ihnen vorgeht und dass zum Ausdruck bringt.  Zum Ausdruck für alle beeinträchtigten Menschen.“